Saturday, May 18, 2013

Freud und Jung: Eine vergleichende quantitative Inhaltsanalyse ihrer Träume

Der folgende Text ist vom Buch "Der Unbekannte Freud" des Psychotherapeuten Jürgen vom Scheidt (geb. 1940), und ,konkreter, vom Kapitel "Freud und Jung: Eine vergleichende quantitative Inhaltsanalyse ihrer Träume" von C.S.Hall und B. Domhoff. Die Träume von Freud und Jung könnten uns einen besseren Einblick in ihre Persönlichkeit und die Ursachen ihres Bruches bieten. Und natürlich ist dieses Kapitel spannend für alle Trauminteressierten...



CALVIN S. HALL UND BILL DOMHOFF
Freud und Jung: Eine vergleichende quantitative Inhaltsanalyse ihrer Traume

Im Rahmen der Traumanalyse lassen sich kaum zwei berühmtere Beispiele als Freud und Jung vorstellen. Beide analysierten nicht nur ihre eigenen Traume, sondern zeitweilig sogar die des anderen. Deshalb erscheint es auch angemessen, die Verwendungsfähigkeit einer neuen analytischen Methode an ihren Träumen zu demonstrieren.

Das folgende ist eine vergleichende und quantitative Studie von Freuds und Jungs Träumen, so wie sie sich in deren eigenen Darstellungen finden. Die Hauptabsicht dabei ist, den Wert der quantitativen Inhaltsanalyse von Träumen zu demonstrieren und die so gewonnenen Informationen in bezug mit den gesicherten biographischen Fakten der beiden Männer zu setzen.

Freud berichtete in der Traumdeutung und in Über den Traum von insgesamt 28 Träumen. Jung zeichnete in seinem autobiographischen Werk Erinnerungen, Träume, Gedanken  31 Träume auf. Obwohl wir gerne auf eine grössere Zahl von Träumen zurückgreifen würden, haben vorausgehende Untersuchungen erwiesen, dass sich bereits aus 20 Träumen signifikante Aspekte der Personlichkeit des Traumers ablesen lassen. Es konnte auch sein, dass die beiden Autoren bei der Auswahl ihrer Träume eine bestimmte Absicht verfolgten. So liegt der Verdacht nahe, dass Freud sich auf jene Träume konzentrierte, die seiner Theorie entsprachen, während Jung jene Träume auswählte, die mit seinen theoretischen Ansichten übereinstimmten. Im übrigen scheint es offensichtlich, dass beide bei der Veröffentlichung ihrer Träume von ganz verschiedenen Motiven geleitet vvurden. So benutzte Freud seine Träume zur Erläuterung seiner Traum-Theorie, während Jung dadurch zur Erhellung seines inneren Wesens und seiner Entwicklung beitragen wollte. Diese unterschiedlichen Motive werden allein schon durch die Art der Veröffentlichung deutlich. So erschienen Freuds Träume im Rahmen wissenschaftlicher Abhandlungen, während Jung sie in seine Autobiographie aufnahm. (...)

Wir erwarteten aber nicht nur, auf persönliche Unterschiede, sondern auch auf bestirnmte Gemeinsamkeiten in ihren Träumen zu stossen. Denn unserer Meinung nach gibt es in den Träumen aller Menschen einen universellen Kern, gleichgültig, wann, wo und wie sie gelebt haben. Jeder Traum wurde auf eine 12,5 mal 20 cm grosse Karte geschrieben; danach mischten wir Freuds 28 und Jungs 31 Träume, um sie dann erst auszuwerten. Diese Aufgabe übernahm Dr. Hall, der sich bei der Auswertung auf das Werk The Content Analysis of Dreams von Calvin Hall und Robert van de Castle stützte. Um eine grössere Genauigkeit zu erreichen, wurde jeder Traum zweimal gepunktet. Dabei orientierte man sich an folgenden Variablen: Länge, Figuren, Objekte, aggressive und freundschaftliche Interaktionen, Erfolgs und Misserfolgs-, Glücks- und Unglücks- Sequenzen, oral betonte Elemente, Kastrationsangst, Kastrationswünsche, Penisneid. Um das „Typische“ an Freuds und Jungs Träumen erfassen zu können, wurden ihre Werte mit den Werten von 500 Träumen verglichen, die von 100 jungen Amerikanern berichtet worden waren; in einigen Fällen wurden auch noch andere Normen hinzugezogen. Obwohl nur in wenigen Fällen das genaue Alter von Freud und Jung bekannt ist, in dem sie die aufgezeichneten Träume hatten, steht fest, dass sie alle, bis auf eine Ausnahme, im Erwachsenenalter stattfanden. Diese Ausnahme ist ein Traum Jungs, den er nach eigenen Angaben als Drei- oder Vierjähriger hatte. (...)

Bis zu diesem Punkt demonstrieren die Inhaltsanalysen von Freuds und Jungs Träumen lediglich, dass sie zur männlichen Hälfte des Menschengeschlechts zählen. Doch es gibt auch charakteristische Unterschiede bei beiden Männern.  So weisen Freuds Träume mehr menschliche Gestalten als die Jungs auf. (...)
Dieser Unterschied stimmt offensichtlich mit den biographischen Gegebenheiten der beiden Männer überein. Freud war verglichen mit Jung ein geselliger Charakter. Er besass viele enge Freunde und Schüler, zu denen er ein sehr vertrautes Verältnis unterhielt. In der Vorstellung sieht man ihn immer von einem ganzen Gefolge umgeben. Jung lebte dagegen recht isoliert und hielt potentielle Schüler und Anhänger auf Distanz. Er verbrachte einen grossen Teil seiner Zeit mit wissenschaftlichen Unternehmungen, brütete über alten Manuskripten oder erholte sich allein in der Natur. So sagte er einmal über sich: „Heute wie damals (in der Kindheit) bin ich ein Einzelgänger.“ Die Unterschiede ihrer sozialen Konstitution zeigen sich auch noch in anderen Elementen, die teils ihren Träumen, teils ihren sonstigen Schriften entnommen werden können. So tauchen in Jungs Träumen sehr viel häufiger Tiere auf als bei Freud. Daraus lässt sich schliessen, dass  Jung sich mit der Natur enger verbunden fühlte als mit den Menschen. So schreibt er in Erinnerungen, Träume, Gedanken: „Ich liebte alle warmblütigen Tiere . . .Tiere waren mir teuer, da sie treu, beständig und verlässlich sind. Menschen misstraute ich jetzt mehr denn je.“

In Jungs Träumen erscheinen auch mehr mystische, fiktive und historische Figuren als bei Freud. Das Iegt den Gedanken nahe, dass Jung mehr in der Vergangenheit lebte, Freud mehr in der Gegenwart. Tatsächlich machte Jung die Bemerkung, dass er sich jahrelang mehr der Vergangenheit, vor allem dem Mittelalter und dem 18. Jahrhundert, verbunden fühlte als der Gegenwart.

Jung träumt häufiger von den Mitgliedern seiner Familie; Freud dagegen mehr von Freunden und Bekannten. Das weist darauf hin, dass sich Jungs soziale Aktivitäten stärker auf die unmittelbare familiäre Umgebung beschränkten, während Freud sich vermehrt ausserhalb der Familie bewegte. Es ist interessant, dass Jung, obwohl er neun Jahre lang das einzige Kind seiner Eltern war und dann nur noch eine Schwester bekam, ebenso wie Freud, der mehrere Geschwister hatte, eine grosse Familie gründete. Freud zeugte sechs Kinder, Jung funf. Trotzdem scheint Freud ständig ausserhalb der Familie nach engen, teilweise sogar „väterlichen“  Beziehungen gesucht zu haben. Ein Brief Freuds an Jung ist charakteristisch fur diese dauernde Suche nach engen menschlichen Bindungen. Der hier abgedruckte Auszug stammt aus Jungs  Erinnerungen, Träume, Gedanken: „Es ist bemerkenswert  dass am selben Abend, an dem ich Sie formell als meinen ältesten Sohn adoptierte, Sie als meinen Nachfolger und Kronprinzen salbte . . . Ich setze deshalb noch einrnal meine väterliche Hornbrille auf und warne meinen lieben Sohn, sich seinen kühlen Kopf zu bewahren . . .“ Bei Jungs Einzelgängertum, seiner Vorliebe für die Natur, für Architektur und familiäre Dinge und mit dem Wissen über seine unbefriedigende Beziehung zum Vater kann man sich leicht vorstellen, wie stark er sich durch Freuds „Anhänglichkeit“ zurückgestossen fühlen müsste,  -und wie rasch die beiden Männer wieder eigene Wege gehen würden.

Unserer Meinung nach liegt hier das eigentliche Geheimnis ihres persönlichen Bruchs. Schliesslich blieben der protestantische Pfarrer Oscar Pfister und Ludwig Binswanger, der existentialistische undphänomenologische Ideen mit der Psychiatrie verknüpfte, trotz beträchtlicher intellektueller Differenzen persönliche Freunde Freuds. Doch Freud versuchte auch nicht, Pfister und Binswanger zu seinen „Söhnen“ zu machen. Ausserdem hatten die beiden im Gegensatz zu Jung auch nicht mit einem depressiven und launenhaften Vater zu kämpfen, der seinen ganzen Lebensmut verlor und zeitweilig in Nervenheilanstalten untergebracht war. (...)

Was jedoch die aktive bzw. passive Rolle bei der freundschaftlichen Kontaktaufnahme betrifft, sind sie Welten voneinander entfernt. Bei jeder freundschaftlichen Interaktion Jungs ist dieser der aktive Teil. Freud dagegen ist sehr viel häufiger der Adressat solcher Akte. Die Durchschnittsnorm liegt in diesem Fall zwischen den fur Freud und Jung gefundenen Werten. Bedeutet dies, dass Freud den starken Wunsch hatte, von anderen besonders zuvorkommend behandelt zu werden, und dass er auf jede Zurückweisung ausgesprochen empfindlich reagierte? Tatsächlich gibt es Hinweise darauf. So war er offensichtlich stark verletzt, als Jung keinerlei Anstalten machte, ihn bei seiner Reise in die Schweiz aufzusuchen. Freuds Biograph Ernest Jones weist ausserdem darauf hin, dass Freud sehr ärgerlich wurde, wenn Freunde und Bekannte seine Briefe nicht umgehend beantworteten.  Ein weiterer Hinweis auf Jungs grössere „soziale Autonomie“  ergibt sich bei der Betrachtung jener Träume, in denen aggressive oder freundschaftliche Interaktionen zu finden sind (also nicht die Gesamtzahl der in allen Träumen auftauchenden aggressiven oder freundschaftlichen Akte). Unter dieser Perspektive weist Freud fast doppelt so viele „Interaktions—Traume“ auf als Jung. In dieser Hinsicht entspricht Freud der Norm. Das bedeutet, dass Jung weniger Träume als Freud aufweist, in denen er auf signifikante Weise mit anderen in Kontakt tritt. Der interessanteste Aspekt in bezug auf aggressive und freundschaftliche Akte ergibt sich aber dann, wenn man Freuds und Jungs Traum—Interaktionen gegenüber männlichen und weiblichen Traumgestalten miteinander vergleicht. Der „typische“  Mann zeigt in seinen Traumen gegenüber Männern mehr aggressive Interaktionen gegenüber als Frauen. Auf der anderen Seite agiert er gegenüber Frauen häufiger freundlich als gegenüber Männern.  Jungs aggressive und freundschaftliche Traumbegegnungen mit Männern und Frauen entsprechen ziemlich genau dieser Norm. In einem von vier Fällen finden sich bei ihm gegenüber Männern aggressive Interaktionen, gegenüber Frauen dagegen keine. Freundschaftliche Interaktionen finden bei ihm gegenüber Männern und Frauen ungefähr gleich häufig statt. Darin weicht er Ieicht von der Norm ab. In Freuds Träumen wird das „typische“  Verhaltensmuster dagegen umgekehrt. In einem von vier Fällen verhält er sich gegenüber weiblichen Traumgestalten aggressiv; Männern gegenüber fehlt diese Verhaltensweise fast ganz. Auf der anderen Seite hat er sehr viel mehr freundschaftliche Begegnungen mit Männern als mit Frauen. Diese Ergebnisse legen den Gedanken nahe, dass Freud einen negativen Ödipuskomplex hatte. Der positive Ödipuskomplex wird durch die Feindschaft gegenüber Männern und die Liebe gegenüber Frauen charakterisiert. Beim negativen Ödipuskomplex verkehren sich die Verhältnisse. Jetzt wird Männern gegenüber eine freundschaftliche Position bezogen, wahrend man Frauen Feindschaft entgegenbringt. (Freuds aggressives und freundschaftliches Verhaltensmuster gegenüber Mannern bzw. Frauen entspricht nicht dem der „typischen Frau“,die gegenüber Männern sowohl aggressiver als auch freundschaftlicher als gegenüber Frauen reagiert. Es gleicht auch nicht jenem Verhalten einer männlichen Patientengruppe einer Nervenheilanstalt, die sowohl Männern als auch Frauen gegenüber mehr Aggressionen als Zuneigung zeigte.) Gibt es nun in der Biographie Freuds Hinweise auf einen negativen Ödipuskomplex?  Viele Leser von Freuds Werken kamen schon zu dem Schluss, dass dieser Frauen gegenüber recht feindlich eingestellt war. Ernest  Jones meint, dass Freuds Einstellung gegenüber Frauen  „altmodisch“  war. Denn er begriff ihre Funktion als die „dienender Engel fur die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit des Mannes“ . Ausserdem habe er Frauen immer als „rätselhaft“  empfunden.  So fragte er einmal Marie Bonaparte: „Was wollen sie eigentlich?“)  Er fühlte sich ausserdem stärker zu maskulinen Frauen hingezogen und war im Übrigen  „bemerkenswert monogam“.  Jones behauptet, dass  „die eher leidenschaftliche Seite des Ehelebens bei ihm früher zur Ruhe kam als bei den meisten anderen Männern“ . Wir deuten dies so, dass Freud relativ frühzeitig den Intimverkehr mit seiner Frau einstellte, ohne dass er dafür geschlechtliche Beziehungen zu anderen Frauen aufnahm.
 (...)
  
Nicht nur das Traummaterial, sondern auch die biographischen Fakten erlauben also die Schlussfolgerung, dass Freud tatsächlich einen negativen Ödipuskomplex hatte. Jung wies dagegen einen ausgesprochen normalen Ödipuskomplex auf, der sich in der unvermeidlichen Feindschaft gegenüber dem Vater äusserte. Und nichts, was aus Jungs Leben bekannt ist, steht dieser Auffassung entgegen. Auch in seiner Autobiographie bestätigt er, dass er sich seiner Mutter sehr viel mehr verbunden fühlte als dem Vater. Nachdem sein Vater gestorben war, übernahm er ohne zu zogern die Rolle des Haushaltsvorstands, was er nicht zuletzt dadurch demonstrierte, dass er das Zimmer des Vaters bezog. Man braucht sich also nicht zu wundern, dass Jung kein Verlangen danach hatte, wieder zurn „Sohn“ zu werden, und das auf gar keinen Fall gegenüber einem „Vater“ mit einem negativen Ödipuskomplex.

Erfolg und Misserfolg werden im Traum fast immer in Zusammenhang mit dem Träumenden selbst erlebt. Jung und Freud machten dabei keine Ausnahme. Die meisten Männer erleben in ihren Träumen gleichviel Erfolge und Misserfolge. Jungs Träume entsprechen dieser Norm, doch Freud erlebt in seinen Träumen sehr viel mehr Erfolge als Misserfolge. Das Verhältnis beläuft sich auf 6 zu 1.  Das legt die Vermutung nahe, dass Freud sehr viel stärker erfolgsmotiviert war als Jung. Jones’ Bemerkung, dass Freud sich vom Ruhm nicht angezogen fühlte, wird aufgrund der Traumanalyse äusserst zweifelhaft. Obwohl vielleicht auch Jung ähnliche Arnbitionen hatte, entwickelte er keinerlei Aktivitäten, um dieses Ziel zu erreichen, wie Freud es tat. Er gründete beispielsweise keine internationale Organisation, die ein eigenes Verlagshaus besass, in dem sie ihre Publikationen veröffentlichte. Und er gründete auch keine Institute, die auf der ganzen Welt seine Ideen propagierten. Ebensowenig zog er sich bewusst jünger heran. Er hielt sich viel lieber in seinem Steinturm auf als auf dem Markt der wissenschaftlichen Geschäftigkeit seine Lehre zu verkünden. Obwohl er den Ruhm nicht suchte, wies er ihm auch nicht die Tür, als er sich dann meldete. Gegen Ende seines Lebens konnte Jung deshalb schreiben: „Heute kann ich wirklich sagen, dass es erstaunlich ist, wieviel Erfolg mir Zuteil wurde.“ (...)

Orale Sequenzen in Traumen sind solche; bei denen Essen oder Trinken, Kochvorgange, Restaurantbesuche u. a. auftauchen. Besonders betont sind diese oralen Elemente in Traumbildern, bei denen direkt auf die Mundpartie oder andere orale Aktivitäten Bezug genommen wird, beispielsweise also Rauchen, Singen usw. In beiden Inhaltskategorien erreicht Freud eine höhere Punktzahl als Jung, der im übrigen mit der Kontrollgruppe übereinstimmt. Freuds Persönlichkeitsstruktur war offensichtlich besonders stark durch die Oralität bestimmt. So wissen wir beispielsweise, dass er ein starker Zigarrenraucher war. Ausserdem informiert uns Jones, dass er eine Abscheu vor der Abhängigigkeit von anderen hatte, was als Reaktionsbildung gegenüber oraler Dependenz zu betrachten ist. Freuds Oralität stimmt auch mit der Tatsache überein, dass er in seinen Träumen sehr viel häufiger der Empfänger als der Spender von Freundlichkeiten ist. Man könnte den Eindruck gewinnen, er habe nach Zuneigung und Zärtlichkeit verlangt, gleichzeitig aber gegen diesen infantilen Wunsch mit allen Mitteln angekämpft. Der orale Zug stimmt ausserdem auch noch mit der relativ hohen Erfolgsquote in seinen Träumen und der Abwesenheit von Glücksfällen überein. Offensichtlich war er durch den Wunsch motiviert, seine Erfolge durch persönliche Anstrengungen zu erreichen, um dadurch das unbewusste Abhängigkeitsbedürfnis zu verdrängen. Orale Wünsche scheinen in Jungs Leben dagegen keine grosse Rolle gespielt zu haben. Es lassen sich bei ihm auch keine Hinweise auf eine Angst vor der Abhängigkeit gegenüber anderen finden. Ganz offensichtlich zog es Jung vor, seinen Weg allein zu gehen, wobei er auf die Hilfe anderer verzichten konnte.

Kastrationsangst, Kastrationswunsch und Penisneid reflektieren unterschiedliche Aspekte des Kastrationskomplexes. Die Kastrationsangst zeigt sich im Traum durch eine dem Träumenden zugefügte Verletzung oder eine Beschädigung seines Eigentums. Der Kastrationswunsch drückt sich dadurch aus, dass diese Dinge einer anderen Traumgestalt zustossen. Penisneid kann dort konstatiert werden, wo der Träumende bedeutsarne phallische Symbole wie beispielsweise Autos oder Waffen in seinen Besitz bringt. Die Auswertung dieser drei Inhaltskategorien ergibt, wie Hall und van de Castle zeigten, unterschiedliche Ergebnisse für weibliche und männliche Träumer, die in Ubereinstimmung mit Freuds Theorie stehen.  Weder in Freuds noch in Jungs Träumen können deutliche Hinweise auf Kastrationsangst oder Penisneid gefunden werden. Freud zeigt in einigen Träumen Kastrationswünsche, doch liegen die Werte keinesfalls über der Norm. Soweit sich ihren Träumen entnehmen lässt, spielte der Kastrationskomplex also weder für Freuds noch für Jungs Persönlichkeitsstruktur eine wesentliche Rolle.

Damit wären wir am Ende unserer kurzen Darstellung über die in Freuds und Jungs Träumen auftauchenden Inhaltskategorien angelangt. Die Ergebnisse entsprechen insofern unseren Erwartungen, als dass sich in den untersuchten Träumen sowohl universelle als auch individuelle Züge nachweisen lassen. Da es sich bei den Träumenden um so bedeutende Persönlichkeiten wie Freud und Jung handelt, sind die individuellen Züge allerdings bedeutend interessanter. Im übrigen zeigen unsere Ergebnisse, dass die durch die Auszählung der einzelnen Traumkategorien erhaltenen Frequenzen und Proportionen in direkter Beziehung zu Personlichkeit und Verhalten des Träurmenden stehen. Dieser Zusammenhang erweist nicht nur die Brauchbarkeit der von Hall und van de Castle entwickelten Inhalaltsanalyse, sondern zeigt auch, dass es zwischen dem Traum und dem Wachzustand bedeutende Kontinuitäten gibt. So untermauern unsere Ergebnisse die Vorstellung, dass Freuds und Jungs Traumverhalten und ihr Verhalten im realen Leben weitgehend kongruent sind. In ihren Träumen lässt sich folglich auch ein Hinweis über die Ursache ihres Bruchs finden. Diese Ergebnisse sind nicht weiter überraschend, wenn man bedenkt dass das Träumen ebenso eine Verhaltensäusserung ist wie jede andere Lebensäusserung einer Person. Es wäre folglich viel eher eine Überraschung, wenn sich in den Träumen nicht dieselben Grundbedürfnisse, Wünsche und Ängste äussern würden , die den Wachzustand regieren. Denn jede Verhaltensäusserung, jede menschliche Aktivität ist unserer Meinung nach zu einem grossen Teil ein Produkt des zeitlos Unbewussten. Es ist dieses „zeitlos Unbewusste“(Freud), das die Persönlichkeitsstruktur bestimmt, wodurch dieselben Verhaltensmuster immer wieder in Erscheinung treten, sei es im Traum oder im täglichen Leben. Auf die alte Frage: „Bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei eine wache Person, oder bin ich eine schlafende Person, die träumt, sie sei ein Schmetterling?“ konnen wir antworten: „Das macht keinen Unterschied“. Denn im Traum werden die Wünsche und Ängste, die auch im wachen Zustand unser Verhalten bestimmen, lediglich deutlicher sichtbar.

 (Der unbekannte Freud S. 196-206, Jürgen vom Scheidt, Kindler Verlag, 1974, München)




No comments:

Post a Comment