Sunday, May 19, 2013

Das Enneagramm: die 9 Typen

Übernommen von www.enneagramm.de:

Das Enneagramm unterscheidet neun verschiedene Persönlichkeitsmuster und beschreibt ihre Beziehungen zueinander. Der Name stammt aus dem Griechischen; ennea ist das griechische Wort für "neun" und gramma bedeutet "Modell".
Nach dem Enneagramm hat jedes Persönlichkeitsmuster eine bestimmte Weltsicht und betrachtet die Welt durch einen entsprechenden Filter. Davon ausgehend wird es möglich zu erklären, warum Menschen sich auf eine bestimmte Weise und nicht anders verhalten. Damit trägt das Enneagramm zum Verständnis für andere bei. Indem die Typologie des Enneagramms beschreibt, wie sich die Grundmuster in positiven wie negativen Situationen verändern, zeigt es zugleich Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung.

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Typ 1: Reformer, Perfektionist, Kritiker
Menschen vom Typ 1 streben nach Vollkommenheit, sie wollen alles richtig machen: ein Ideal, das nicht erreichbar ist. Sie zeichnen sich aus durch Objektivität, Integrität und Gerechtigkeitssinn. Ihr unbestechliches Gefühl für Wahrheit und Gerechtigkeit verleiht ihnen ein starkes moralisches Rückgrat. Für ihre Überzeugungen sind sie bereit durchs Feuer zu gehen. Aus Angst, Fehler zu machen, sind Menschen dieses Typs darauf bedacht, möglichst überlegt und vernünftig zu reagieren. Spontaneität zählt deswegen nicht zu ihren Stärken.
Dieses unbedingte Streben nach Perfektion wächst sich bei EINSern leicht zu Kritiksucht, Nörgelei und Selbstgerechtigkeit aus. Bei ihnen findet sich häufig eine ins Pedantische gehende Ordnungsliebe. Gerade die Angst vor der eigenen Unvollkommenheit kann EINSer zu gnadenlosen Richtern fremder Fehler und Mängel machen. Bei ihren Mitmenschen verbreiten sie oft das Gefühl, den heheren moralischen Ansprüchen nicht genügen zu können.
Obwohl EINSer einen kontrollierten und disziplinierten Eindruck machen, ist die vornehmliche Leidenschaft, die sie antreibt, der Zorn. Ihr Zorn richtet sich auf jede Art von Unvollkommenheit, die auf der Negativfolie ihrer überhöhten Ideale überall zu entdecken ist. Diese Leidenschaft, die den EINSern in ihren Kämpfen um Weltverbesserung ihre Energie verleiht, treibt sie auch in ein Dilemma. Denn Zorn ist selbst eine Unvollkommenheit, die unter dem Anspruch absoluter Perfektion nicht sein darf. Es stellt sich die Frage: Wohin mit dem Zorn? Wohin fliehen vor dem eigenen kritischen Blick?
Der Abwehrmechanismus, den EINSer ausprägen, um sich diese unerwünschten Gefühlsaufwallungen vom Leibe zu halten, ist Reaktionskontrolle. Damit ist gemeint, dass EINSer sich einer ständigen Selbstkontrolle aussetzen. Sie installieren einen mächtigen inneren Zensor, der in Sekundenbruchteilen entscheidet, welche die richtige und welche die falsche Regung ist. Ein häufig beschrittener Weg, den Zorn in kontrollierte Bahnen zu lenken, ist die Arbeitswut. Ständig gilt es, irgendwelchen Pflichten nachzukommen, sodass das sprichwörtliche nachfolgende Vergnügen sich selten einstellt.
Aus dem Teufelskreis, dem Zorn mit dem Furor der Selbstkontrolle beizukommen, kann sich ein EINSer nur befreien, wenn er seinen Zorn annehmen kann und erkennt, dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt. Er muss lernen, Pflicht, Ordnung und die Verbesserung der Welt auch mal links liegen zu lassen, zu spielen, zu feiern und das Leben zu genießen. Ihm tut die Einsicht gut, dass nicht alles durch aktiven Einsatz zu beherrschen ist. In der Begegnung mit dem kreatürlichen Wachstum der Natur können EINSer erfahren, dass Dinge gedeihen, auch ohne dass ständig kontrollierend eingegriffen wird.
Typ 2: Helfer, Geber, Fürsorger
Menschen vom Typ 2 wollen gebraucht werden. Aus diesem Streben resultiert die Fähigkeit, sich ganz auf die Bedürfnisse anderer Menschen einstellen zu können. Persönlichkeiten mit diesem Muster sind deshalb Beziehungsmenschen. Sie verfügen über einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Für die Sorgen und Nöte der anderen haben sie stets ein offenes Ohr. In ihren Beziehungen verhalten sie sich besonders emotional, weil es ihnen in erster Linie darum geht, geliebt zu werden.
Dieses unbedingte Streben nach Anerkennung, die ZWEIer besonders in der Dankbarkeit ihrer Mitmenschen erleben, führt leicht zu einem aufdringlichen Buhlen. Dann tritt zu Tage, dass ZWEIer alle ihre Anstrengungen für die anderen insgeheim nur um der gezeigten Dankbarkeit willen unternommen haben. Spüren sie gar das Gegenteil, Distanznahme oder Kritik, reagieren sie gekränkt und mit demonstrativem Liebesentzug. Sie unternehmen alles, um die Abhängigkeit der mit Liebeserweisen Überschütteten wieder herzustellen.
Dass ausgerechnet der Stolz die treibende Leidenschaft solcher Menschen sein soll, die ganz in der Sorge um die anderen aufgehen, erscheint nur auf den ersten Blick unglaubhaft. Achtet man darauf, dass es der ZWEI in alle ihren Beziehungen darauf ankommt, gebraucht zu werden, also wichtig und bedeutend zu sein, dann wird der Stolz als Antriebsenergie durchaus plausibel. Das Dilemma des ZWEIers besteht darin, dass er in der Zuwendung zum Mitmenschen sein Ego gerade immer weiter aufbläst. Die eigene Hilfsbedürftigkeit wird dadurch systematisch verstellt. Stets findet sich jemand, der Hilfe dringend nötig hat.
Damit der Stolz auf die eigenen großartigen Liebeserweise nicht durch die Erkenntnis der eigenen Bedürftigkeit Schaden nimmt, prägen ZWEIer den Abwehrmechanismus der Verdrängung aus. Sie sind Meister darin, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und zu bedienen und die eignen in vollständige Vergessenheit geraten zu lassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich in der Gruppe der ZWEIer häufig eine Suchtgefährdung findet. Die »Belohnung« mit Süßigkeiten, Shoppen oder Sex verdrängt die ausfallende Befriedigung der eigenen Bedürfnisse.
Aus dieser Fixierung auf die Dankbarkeit der anderen können sich ZWEIer dann befreien, wenn sie die eigene Hilfsbedürftigkeit erkennen und den Stolz darauf, dass andere auf sie angewiesen und ihnen dankbar sind, fahren lassen. Heilsam für sie ist, wenn sie Demut lernen können, wenn sie aus der Rolle des souveränen Helfers für abhängige Bedürftige aussteigen können.














Typ 3: Leistungs- und Erfolgsmensch, Schauspieler
Gut anzukommen, ist das bestimmende Ziel für Menschen vom Typ 3. Sie möchten für ihre Leistungen bewundert werden. Aus diesem Grund opfern sie alles dem Erfolg. Sie gehen ganz in ihren Aufgaben auf und verfolgen energisch deren Erledigung; allerdings nur so lange wie sie Erfolg versprechen und Prestige einbringen. Da er alles drauf ausrichtet, glänzend dazustehen, ist der DREIer enorm anpassungsfähig. Er ist in der Lage, sich stets an dem auszurichten, was jeweils ankommt. Das prädestiniert ihn zum idealen Mitarbeiter jeder Organisation. Ob es sich um das Managen eines ausbeuterischen Unternehmens oder die Organisation der dagegen aufbegehrenden Arbeiter handelt, eine DREI widmet sich der ihr gestellten Aufgabe mit aller Energie. Es kann geschehen, dass DREIer im Laufe ihres Lebens sich mit gleicher Vehemenz in solch widersprechenden Aufgaben engagieren.
Bei allem Charme und aller Anpassungsfähigkeit, die DREIer auszeichnen, ist ihr Interesse an ihren Mitmenschen gering. Sie dienen lediglich dem Erreichen des Erfolgs oder als Spiegel für die eigene Größe. Was DREIer fürchten, sind Selbstzweifel, Misserfolge, Niederlagen. Deswegen haben sie auch keine Hemmungen, sobald das Scheitern eines Projekts abzusehen ist, die Pferde zu wechseln oder nachträglich ihren Beitrag positiv zu verkaufen und die Schuld für den Misserfolg bei anderen zu suchen.
Dass die Leidenschaft des DREIers die Täuschung ist, kann bereits an seiner hohen Anpassungsfähigkeit abgelesen werden. Was ihn aber vornehmlich antreibt, ist die Selbsttäuschung. Keinesfalls möchte die DREI mit den eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten in Berührung kommen. Sie kann sich mit der jeweils angenommenen Rolle in hohem Maße identifizieren. Daher rührt das ihr eigene Engagement für alle von ihr betrieben Angelegenheiten.
Die vollständige Identifikation mit der jeweils zu erledigenden Sache ist der der DREI eigene Abwehrmechanismus. Daraus ergibt sich eine Art Daueraktivismus. Stets gilt es, neue Aufgaben zu erfüllen, um möglichst unter dem Beifall der anderen den Erfolg auszukosten. Die rasende Flucht vor dem Selbst, das sich selbst von sich fortjagt, findet am ehesten ein Ende in der Erfahrung des Scheiterns. Da der dem Daueraktivismus ausgesetzte Körper zwangsläufig irgendwann einmal streikt, ist Krankheit für DREIer eine Chance auszusteigen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Gesundung erneut zu einem Projekt umgewidmet wird, das es erfolgreich zu bestehen gilt. Generell führt der Weg zur Befreiung für den DREIer weg von der Außenorientierung hin zu sich selbst. Da er in einer leistungsfixierten Gesellschaft wie der unseren sich über mangelnden Beifall nicht zu beklagen braucht, ist dieser Weg sehr beschwerlich.

Typ 4: Romantiker, Melancholiker, Künstler
Der rote Faden, der das Leben von Menschen des Typs 4 durchzieht, ist die Suche nach sich selbst. Sie umgibt die Aura einer unbestimmten Sehnsucht, die nie Erfüllung findet. Diese Sehnsucht nach dem ganz anderen bewirkt, dass VIERer häufig künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten suchen. In der Welt der Kunst lässt sich die Unbestimmtheit und die durch keine Realität erfüllbare Sehnsucht am besten ausdrücken. Die Uneindeutigkeit und Interpretationsbedürftigkeit der Kunst kommt der unsicheren Selbstwahrnehmung des VIERers sehr entgegen. Sie dient aber vornehmlich der Selbstinszenierung. Das Kunstwerk wird hier einzig als Ausdruck des Künstlers betrachtet.
Obwohl VIERer ganz auf sich und ihre Gefühlswelten konzentriert zu sein scheinen, sind sie doch wie die ZWEIer und DREIer außenorientierte Typen. Im ständigen Blick auf die anderen suchen VIERer ihre Identität in der Abgrenzung zu finden. In allen Lebenslagen präsentieren sie sich als Nonkonformisten. Auf der anderen Seite führt die stets im Unbestimmten, Ahnungsvollen verbleibende Selbstwahrnehmung dazu, dass VIERer häufig die Vermutung hegen, andere hätten etwas, was ihnen fehlt. Auch dieses Manko inszenieren sie als großes Gefühl. Sie fühlen sich häufig unverstanden und als Außenseiter. Die Tendenz zur Absonderung und der Beschäftigung mit der eigenen Gefühlswelt verstärkt sich dadurch sogar noch.
Bereits hieraus lässt sich ersehen, dass die die VIERer antreibende Leidenschaft der Neid ist. Sie werden hin und her gerissen von dem Bestreben, sich abzugrenzen, und der Anziehungskraft, die das Leben der Mitmenschen auf sie ausübt. Es verspricht ihnen eine Erfüllung, die das eigene Leben nicht hat.
Der Abwehrmechanismus, den der Typ 4 entwickelt, um sich die damit verbundenen Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit vom Leibe zu halten, äußert sich in einer mit großen Gefühlen verbundenen Selbstinszenierung. Da es sich aber um eine künstlich hergestellte Identität handelt, vergeht das Gefühl, authentisch und echt zu sein, so schnell, wie es gekommen ist. Es macht dann wieder dem Eindruck Platz, irgendwie unvollständig zu sein.
Aus dem Auf und Ab der extremen Gefühlslagen findet der VIERer nur heraus, wenn er einen gesunden Realismus entwickelt. Er muss sich fragen, ob es nicht doch das kleine Glück oder die kleine Traurigkeit auch tut. Befreiung heißt für VIERer, im Hier und Jetzt zu leben, zwischen den extremen Gefühlsaufwallungen eine Balance herzustellen. Echtheit und Authentizität lassen sich auch im »banalen« Alltag, im Kleinen und Unscheinbaren finden-

Typ 5: Beobachter, Denker, Sammler
Das für Menschen vom Typ 5 wesentliche Verhalten ist durch Distanznahme zu ihrer Umwelt geprägt. Dabei möchten sie sich hauptsächlich vor zu viel emotionaler Nähe schützen. Ihr Kontakt zur Umwelt findet quasi nur gefiltert statt. Als Filter setzen FÜNFer ein systematisierendes, Überblick verschaffendes Denken ein. Emotional berührende Erfahrungen halten sie sich vom Leibe, indem sie diese in größere Zusammenhänge eingebettet und somit lediglich theoretisch-analytisch betrachten. Neben dem hauptsächlich theoretischen Weltumgang brauchen die FÜNFer ihre Rückzuggefilde, in denen sie für sich sein können. Sie hassen Aufdringlichkeit und Eindringlinge.

Allerdings bedeutet das distanzierte Weltverhältnis keine strikte Abkehr von der Welt. FÜNFer suchen nach Informationen, Gedanken und Theorien, die sie ihren Systemen und Gedankengebäuden einverleiben können. Dieser angehäufte Schatz dient dann als Schutzwall vor den andrängenden Erfahrungen, die sie berühren könnten. Bei manchen FÜNFern kann sich dies auch in einer Sammelleidenschaft für materielle Dinge äußern. Auch hier lässt sich Schutz vor Berührung finden.

Die Leidenschaft, die Menschen vom Typ 5 antreibt, ist der Geiz. Verständlich wird das, wenn man bedenkt, dass die Besitztümer, die die FÜNF hortet und um sich herum aufgestellt, die Zudringlichkeiten der Welt abwehren sollen. Würden sie von ihren Schätzen abgeben, so hieße das, den Schutz zu verlieren. Da sie keine Nähe zulassen wollen, geizen sie besonders mit ihrer eigenen Person. Sie bleibt in zwischenmenschlichen Beziehungen zwar höflich, aber unterkühlt und beobachtend.

Der FÜNFern entsprechende Abwehrmechanismus ist Isolierung und Rückzug. Geraten sie in emotional aufgeladene Situationen, die ihren ruhigen Beobachtungsposten gefährden, ziehen sie sich zurück, verlassen den Raum oder hüllen sich in Schweigen. Danach treffen sie alle nötigen Vorkehrungen, um nicht mehr in eine solche Situation zu geraten. Da der Wunsch, ihre Gedankengebäude mit weiterem Wissen und mehr Informationen anzufüllen, sie der Welt immer wieder in die Arme treibt, lassen sich erneute Anlässe zum Rückzug kaum vermeiden.

Dem Dilemma, sich der Welt zuwenden zu müssen, um daraus das Wissen zu gewinnen, das vor ihr schützt, kann die FÜNF nur entrinnen, wenn sie sich von Erfahrungen berühren lässt. Dazu gehört in erster Linie die Annahme der eigenen Körperlichkeit. Lebendige Erfahrungen gewinnen Menschen vom Typ 5 nur durch eine authentische, geerdete Selbstwahrnehmung. Der Abstieg aus dem Elfenbeinturm beginnt mit der Beheimatung im eigenen Körper, im wahrsten Sinne des Wortes mit Inkarnation.

Typ 6: Skeptiker, Loyalist, Verteidiger 
Das Lebensziel von Menschen des Typs 6 ist, Sicherheit zu bekommen, die sie in sich selbst nicht finden. Deshalb suchen sie sie bei anderen, bei einzelnen Personen, Gruppen oder Ideologien. Sie erwarten, dass diese eine durch Autorität abgesicherte Verlässlichkeit bieten. Normen, Gesetze und Vorschriften halten SECHSer deshalb auch penibel ein. Da aber Autoritäten grundsätzlich immer auch bezweifel- und angreifbar sind und keine absolute Sicherheit bieten können, ist die Loyalität der SECHSer stets von einem tiefen Misstrauen begleitet.
Solange diejenigen, an die sie sich anlehnen, ihnen Sicherheit geben, lassen sich SECHSer gerne führen, passen sich hierarchischen Strukturen bereitwillig an und führen die ihnen anvertrauten Aufgaben zuverlässig aus. Haben sie ihren Platz gefunden, so erleben sie ihre gesicherte Position als bedroht durch jede Art von Veränderung. Diese Zerrissenheit zwischen bedingungslosem Anlehnungsbedürfnis und tiefem Misstrauen erklärt, weshalb die SECHS sowohl ängstlich anpassungsbereit als auch übertrieben wagemutig auftreten kann. Mitunter bekämpft die SECHS ihre Angst vor der stets drohenden Unsicherheit, indem sie sich vorbeugend in Gefahrensituationen begibt.

Dass die die SECHS antreibende Leidenschaft die Angst ist, kann aus dem Gesagten bereits entnommen werden. Sie entstammt dem Gefühl des Unbehausten, der Unsicherheit und Bedrohung, die SECHSer zwar in sich tragen, aber nach außen projizieren. Die Bedrohung, die sie aus ihrer Umwelt auf sich zukommen sehen, ist ihr eigenes Produkt. Ähnlich wie Menschen vom Typ 5 verstellen sich auch solche vom Typ 6 den Zugang zu sich selbst. Was dem einen die Welterklärung, ist dem anderen das Katastrophenszenario.

Der von SECHSern genutzte Abwehrmechanismus ist die Projektion. Sie sind Meister darin, von anderen kaum beachtete Kleinigkeiten zu Indizien für anstehende apokalyptische Schrecknisse zu stilisieren. Diese Verschiebung eigener Schwächen auf andere findet im Phänomen des Sündenbocks einen klassischen Ausdruck. Wird die Welt ständig auf Anlässe für mögliche Katastrophen hin beobachtet, kann die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit natürlich nie gestillt werden.

Befreiung aus dieser Zwangslage erlangt die SECHS nur, wenn sie es lernt, auf sich selbst zu vertrauen, Autonomie zu gewinnen und sich von Autoritäten zu befreien. Allerdings sind gerade SECHSer selten in der Lage, sich autonom aus ihrer Fixierung zu lösen. Sie bedürfen einer Begleitung, die ihnen Vertrauen gibt, ohne für sie zur Autorität zu werden und ihnen somit Entscheidungen abzunehmen.

Typ 7: Optimist, Epikuräer, Genießer
Menschen vom Typ 7 zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ständig wechselnden Erlebnissen gesteigerten Genuss suchen. Deshalb tragen sie durch intensive Planung ihrer Aktivitäten Vorsorge, mit entsprechenden Genuss verheißenden Erlebnissen versorgt zu werden. Wenn sie Genuss und Freude auch wirklich empfinden können, so hetzen sie dennoch auch schon zum nächsten Erlebnis. Ihre größte Furcht ist es, in ein Loch zu fallen, in dem Schmerz und Leid auf sie lauern könnten. SIEBENer haben etwas von Kindern. Sie sind abenteuerlustig, neugierig und verspielt, voller Energie und Begeisterungsfähigkeit. Das Leben ist für sie angefüllt mit Möglichkeiten, Freuden und Wundern. Dies strahlen sie auch aus. Meistens sind sie gut gelaunt und versuchen auch andere aufzuheitern.
Gerade die Schnelllebigkeit und die vielen Möglichkeiten, die sich ihnen darbieten und alle wahrgenommen werden wollen, bergen auf Dauer die Gefahr, dass es zu einem nachhaltigen Genuss gar nicht mehr kommt. Es wartet bereits das nächste vielversprechende Event oder Abenteuer. Folge dieser Schnelllebigkeit ist auch, dass SIEBENer zwar aufrichtig daran interessiert sind, ihre Mitmenschen glücklich zu machen, aber bei ausbleibendem Erfolg auch schnell ihrer Wege ziehen.
Die Leidenschaft, die die SIEBEN antreibt, ist die Unersättlichkeit und Maßlosigkeit oder, in der klassischen Terminologie der Hauptsünden, die »Völlerei«. Das Verlangen nach immer mehr ist Ausdruck der Furcht, in Situationen zu geraten, in denen nichts geschieht und sich negative Gefühle ausbreiten können. Aus Angst, etwas zu verpassen, gehen SIEBENer lieber auf drei Partys an einem Abend, als auf eine zu verzichten. Sie tun deshalb gerne mehrere Dinge gleichzeitig: telefonieren und fernsehen, ein Gespräch führen und in einer Zeitschrift blättern, essen und dabei etwas anderes erledigen.
Um einer möglichen Konfrontation mit Leid und Schmerz aus dem Weg zu gehen, haben SIEBENer den Abwehrmechanismus der Rationalisierung entwickelt. Das meint nicht, dass der erlebnisorientierte SIEBENer sich zum kühl überlegenden Theoretiker wandelt, sondern dass er sich die Fähigkeit angeeignet hat, aus etwas Unangenehmem noch etwas Positives zu machen. Ein beliebtes Argument ist z. B., es ändere nichts an einer Gegebenheit, wenn man sich darüber gräme.
Aus dem Kreislauf, immer neuen Genussversprechen nachzujagen, nur um nach dessen Erfüllung wieder weiterzujagen, können SIEBENer nur befreit werden, wenn sie sich »entschleunigen« und lernen, dass weniger auch mehr sein kann. Ohne ihr positives Wesen einzubüßen, lernen sie, auch bei Schmerz und Trauer zu verweilen, ohne sie schönzufärben oder vor ihnen die Flucht zu ergreifen.

Typ 8: Führer, Boss, Beschützer
Menschen vom Typ 8 streben nach Eindeutigkeit. Sie können deshalb bedingungslos ihre Absichten verfolgen, die sie für die wahren und gerechten halten. Das verleiht ihnen einen robusten, kämpferisch-zielstrebigen und entschlossenen Charakter. Andererseits äußert sich ihr Wunsch nach Eindeutigkeit in einem Denken in Schwarz und Weiß; Menschen, mit denen sie in Beziehung stehen, werden somit schnell in Freund und Feind unterteilt. Die Ausdrucksweise von ACHTern ist direkt und neigt zum Deftigen bis hin zur gern genutzten fäkalen Sprache.
Aufgrund dieser Entschiedenheit befinden sich ACHTer in einem ständigen Kampf um ihre Position. Deshalb finden in ihren Augen auch zwei Typen von Menschen Gnade: die verfolgte Unschuld und der ebenbürtige Gegner. Für sie ist der Kampf mit einem ebenbürtigen Gegner eine Art Anerkennung. Ja, sie suchen darin sogar Nähe zu ihrem Gegenüber. Kompromisse zu machen, Entscheidungen zurückzunehmen und Fehler einzugestehen, ist ihre Sache nicht. Sind sie nicht in der Lage, in hierarchisch strukturierten Organisationen die Führungsposition einzunehmen, so neigen sie zur Rebellion. Hier können sie ihre Stärke im Kampf mit der etablierten Macht bewähren.
Die ACHTer antreibende Leidenschaft sieht das Enneagramm in der Schamlosigkeit, die Unkeuschheit in der Sicht der alten Sündenlehre. Dass darin keine Übertretung sexualmoralischer Vorschriften zu sehen ist, dürfte aus dem bisher Gesagten bereits ersichtlich sein. Gemeint ist vielmehr die aus unbedingtem Durchsetzungswillen und Entschiedenheit resultierende Rücksichtslosigkeit. Sie missachten die vom Gegenüber gezogenen Grenzen. Das ist die negative Seite der Medaille, auf deren anderen Seite der bewundernswürdige Einsatz für die eigene Sache steht.
Um alles, was ihr klar eingeteiltes Weltbild und ihre Entschiedenheit gefährdet, von sich abzuhalten, entwickeln ACHTer den Abwehrmechanismus der Verleugnung. Besonders bezogen auf die eigene Person schieben sie jeden Anflug von Schwäche oder Zweifel rigoros beiseite. So sehr sie sich für die verfolgte Unschuld mit aller Vehemenz einsetzen, verstehen sie es doch andererseits meisterlich, das verletzte Kind in sich zu verleugnen.
Von dem Zwang, in allen Lebensbereichen Stärke zeigen und der eigenen Position ihr Recht verschaffen zu müssen, können ACHTer nur befreit werden, wenn sie einen Zugang zu ihrer eigenen Schwäche finden. Das bedeutet, klein beigeben und auch einmal Kompromisse machen zu können. Leicht fällt dieser Weg den ACHTern nicht, weil ihnen alle Beschäftigung mit ihrem Innenleben als schwächliche Tatenlosigkeit gilt.
Typ 9: Friedensstifter, Mediator, Bewahrer
Was sich Menschen vom Typ 9 am sehnlichsten wünschen, ist Harmonie. Um nicht in Konflikte zu geraten, können sie ein erstaunliches Einfühlungs- und Anpassungsvermögen entwickeln. Da sie in Konfliktfällen häufig allen Seiten gerecht werden wollen, sind sie die idealen Vermittler und Friedensstifter. NEUNer wirken auf ihre Umwelt bescheiden und demütig. Ihr Hauptmotiv, sich nicht in den Vordergrund zu stellen, ist aber die Konfliktvermeidung. Wer eine herausgehobene Position einnimmt, ist bekanntlich leicht angreifbar. Dem wollen NEUNer aber mit allen Mitteln aus dem Wege gehen.
Ihre Konfliktscheu bewirkt bei NEUNern aber auch, dass sie sich schwer tun, Position zu beziehen und Entscheidungen zu treffen, die keine allgemeine Zustimmung finden. Alles, was Disharmonien, Ärger und Streit verursachen kann, schieben sie von sich weg und auf die lange Bank. Hinter der Gabe, beruhigend, ausgleichend und versöhnend zu wirken, lauert die Gefahr der Gleichgültigkeit und der Apathie.
Die Leidenschaft, die den NEUNer prägt, ist die Trägheit. Diese Antriebsschwäche ist eine Folge der Angst, durch Engagement sich zu sehr zu profilieren und dadurch Disharmonien zu erzeugen. Deshalb schätzt er es, wenn alles so bleibt, wie es ist und in den gewohnten Bahnen verläuft. In diesem Rahmen ist er durchaus willig, seine Aufgaben zu erledigen. Was NEUNern völlig abgeht, ist Initiative. Sie müssen zum Jagen getragen werden. Bei unvermeidlichen Konflikten verfolgen sie entweder die Strategie des Aussitzens oder der Flucht. Man kann von ihnen dann Äußerungen hören wie »Immer mit der Ruhe! Das wird schon wieder« oder »Dafür bin ich nicht zuständig. Das müsst ihr entscheiden«.
Im Abwehrmechanismus des NEUNers, der Betäubung, findet der Wunsch, mit Konflikten in Ruhe gelassen zu werden, seine Entsprechung. Wenn auch der Griff zu Drogen bei NEUNern vorkommt, so ist ihr bevorzugtes Mittel, die ersehnte Ruhe zu finden, der Schlaf. Schlaf ist der ideale Zufluchtsort, wenn einem das Leben zu anstrengend und zu fordernd wird. Den Drang zum Rückzug darf man allerdings nicht als einen zur Isolation missverstehen. NEUNer möchten mit anderen Menschen in Harmonie leben.
Der Tendenz zu Apathie und Gleichgültigkeit können NEUNer nur dann entgegenarbeiten, wenn es ihnen gelingt, einen Standpunkt einzunehmen. Dieser ermöglicht es ihnen, Prioritäten zu setzen und sich zu engagieren. Allerdings ergibt es wenig Sinn, so etwas von ihnen zu fordern, da sie Konflikte wittern und ihre Abwehrstrategien aktivieren. NEUNer brauchen für ihre Entwicklung ein sie unterstützendes harmonisches Umfeld.

Weitere Infos auch unter : http://en.wikipedia.org/wiki/Enneagram_of_Personality






Saturday, May 18, 2013

Freud und Jung: Eine vergleichende quantitative Inhaltsanalyse ihrer Träume

Der folgende Text ist vom Buch "Der Unbekannte Freud" des Psychotherapeuten Jürgen vom Scheidt (geb. 1940), und ,konkreter, vom Kapitel "Freud und Jung: Eine vergleichende quantitative Inhaltsanalyse ihrer Träume" von C.S.Hall und B. Domhoff. Die Träume von Freud und Jung könnten uns einen besseren Einblick in ihre Persönlichkeit und die Ursachen ihres Bruches bieten. Und natürlich ist dieses Kapitel spannend für alle Trauminteressierten...



CALVIN S. HALL UND BILL DOMHOFF
Freud und Jung: Eine vergleichende quantitative Inhaltsanalyse ihrer Traume

Im Rahmen der Traumanalyse lassen sich kaum zwei berühmtere Beispiele als Freud und Jung vorstellen. Beide analysierten nicht nur ihre eigenen Traume, sondern zeitweilig sogar die des anderen. Deshalb erscheint es auch angemessen, die Verwendungsfähigkeit einer neuen analytischen Methode an ihren Träumen zu demonstrieren.

Das folgende ist eine vergleichende und quantitative Studie von Freuds und Jungs Träumen, so wie sie sich in deren eigenen Darstellungen finden. Die Hauptabsicht dabei ist, den Wert der quantitativen Inhaltsanalyse von Träumen zu demonstrieren und die so gewonnenen Informationen in bezug mit den gesicherten biographischen Fakten der beiden Männer zu setzen.

Freud berichtete in der Traumdeutung und in Über den Traum von insgesamt 28 Träumen. Jung zeichnete in seinem autobiographischen Werk Erinnerungen, Träume, Gedanken  31 Träume auf. Obwohl wir gerne auf eine grössere Zahl von Träumen zurückgreifen würden, haben vorausgehende Untersuchungen erwiesen, dass sich bereits aus 20 Träumen signifikante Aspekte der Personlichkeit des Traumers ablesen lassen. Es konnte auch sein, dass die beiden Autoren bei der Auswahl ihrer Träume eine bestimmte Absicht verfolgten. So liegt der Verdacht nahe, dass Freud sich auf jene Träume konzentrierte, die seiner Theorie entsprachen, während Jung jene Träume auswählte, die mit seinen theoretischen Ansichten übereinstimmten. Im übrigen scheint es offensichtlich, dass beide bei der Veröffentlichung ihrer Träume von ganz verschiedenen Motiven geleitet vvurden. So benutzte Freud seine Träume zur Erläuterung seiner Traum-Theorie, während Jung dadurch zur Erhellung seines inneren Wesens und seiner Entwicklung beitragen wollte. Diese unterschiedlichen Motive werden allein schon durch die Art der Veröffentlichung deutlich. So erschienen Freuds Träume im Rahmen wissenschaftlicher Abhandlungen, während Jung sie in seine Autobiographie aufnahm. (...)

Wir erwarteten aber nicht nur, auf persönliche Unterschiede, sondern auch auf bestirnmte Gemeinsamkeiten in ihren Träumen zu stossen. Denn unserer Meinung nach gibt es in den Träumen aller Menschen einen universellen Kern, gleichgültig, wann, wo und wie sie gelebt haben. Jeder Traum wurde auf eine 12,5 mal 20 cm grosse Karte geschrieben; danach mischten wir Freuds 28 und Jungs 31 Träume, um sie dann erst auszuwerten. Diese Aufgabe übernahm Dr. Hall, der sich bei der Auswertung auf das Werk The Content Analysis of Dreams von Calvin Hall und Robert van de Castle stützte. Um eine grössere Genauigkeit zu erreichen, wurde jeder Traum zweimal gepunktet. Dabei orientierte man sich an folgenden Variablen: Länge, Figuren, Objekte, aggressive und freundschaftliche Interaktionen, Erfolgs und Misserfolgs-, Glücks- und Unglücks- Sequenzen, oral betonte Elemente, Kastrationsangst, Kastrationswünsche, Penisneid. Um das „Typische“ an Freuds und Jungs Träumen erfassen zu können, wurden ihre Werte mit den Werten von 500 Träumen verglichen, die von 100 jungen Amerikanern berichtet worden waren; in einigen Fällen wurden auch noch andere Normen hinzugezogen. Obwohl nur in wenigen Fällen das genaue Alter von Freud und Jung bekannt ist, in dem sie die aufgezeichneten Träume hatten, steht fest, dass sie alle, bis auf eine Ausnahme, im Erwachsenenalter stattfanden. Diese Ausnahme ist ein Traum Jungs, den er nach eigenen Angaben als Drei- oder Vierjähriger hatte. (...)

Bis zu diesem Punkt demonstrieren die Inhaltsanalysen von Freuds und Jungs Träumen lediglich, dass sie zur männlichen Hälfte des Menschengeschlechts zählen. Doch es gibt auch charakteristische Unterschiede bei beiden Männern.  So weisen Freuds Träume mehr menschliche Gestalten als die Jungs auf. (...)
Dieser Unterschied stimmt offensichtlich mit den biographischen Gegebenheiten der beiden Männer überein. Freud war verglichen mit Jung ein geselliger Charakter. Er besass viele enge Freunde und Schüler, zu denen er ein sehr vertrautes Verältnis unterhielt. In der Vorstellung sieht man ihn immer von einem ganzen Gefolge umgeben. Jung lebte dagegen recht isoliert und hielt potentielle Schüler und Anhänger auf Distanz. Er verbrachte einen grossen Teil seiner Zeit mit wissenschaftlichen Unternehmungen, brütete über alten Manuskripten oder erholte sich allein in der Natur. So sagte er einmal über sich: „Heute wie damals (in der Kindheit) bin ich ein Einzelgänger.“ Die Unterschiede ihrer sozialen Konstitution zeigen sich auch noch in anderen Elementen, die teils ihren Träumen, teils ihren sonstigen Schriften entnommen werden können. So tauchen in Jungs Träumen sehr viel häufiger Tiere auf als bei Freud. Daraus lässt sich schliessen, dass  Jung sich mit der Natur enger verbunden fühlte als mit den Menschen. So schreibt er in Erinnerungen, Träume, Gedanken: „Ich liebte alle warmblütigen Tiere . . .Tiere waren mir teuer, da sie treu, beständig und verlässlich sind. Menschen misstraute ich jetzt mehr denn je.“

In Jungs Träumen erscheinen auch mehr mystische, fiktive und historische Figuren als bei Freud. Das Iegt den Gedanken nahe, dass Jung mehr in der Vergangenheit lebte, Freud mehr in der Gegenwart. Tatsächlich machte Jung die Bemerkung, dass er sich jahrelang mehr der Vergangenheit, vor allem dem Mittelalter und dem 18. Jahrhundert, verbunden fühlte als der Gegenwart.

Jung träumt häufiger von den Mitgliedern seiner Familie; Freud dagegen mehr von Freunden und Bekannten. Das weist darauf hin, dass sich Jungs soziale Aktivitäten stärker auf die unmittelbare familiäre Umgebung beschränkten, während Freud sich vermehrt ausserhalb der Familie bewegte. Es ist interessant, dass Jung, obwohl er neun Jahre lang das einzige Kind seiner Eltern war und dann nur noch eine Schwester bekam, ebenso wie Freud, der mehrere Geschwister hatte, eine grosse Familie gründete. Freud zeugte sechs Kinder, Jung funf. Trotzdem scheint Freud ständig ausserhalb der Familie nach engen, teilweise sogar „väterlichen“  Beziehungen gesucht zu haben. Ein Brief Freuds an Jung ist charakteristisch fur diese dauernde Suche nach engen menschlichen Bindungen. Der hier abgedruckte Auszug stammt aus Jungs  Erinnerungen, Träume, Gedanken: „Es ist bemerkenswert  dass am selben Abend, an dem ich Sie formell als meinen ältesten Sohn adoptierte, Sie als meinen Nachfolger und Kronprinzen salbte . . . Ich setze deshalb noch einrnal meine väterliche Hornbrille auf und warne meinen lieben Sohn, sich seinen kühlen Kopf zu bewahren . . .“ Bei Jungs Einzelgängertum, seiner Vorliebe für die Natur, für Architektur und familiäre Dinge und mit dem Wissen über seine unbefriedigende Beziehung zum Vater kann man sich leicht vorstellen, wie stark er sich durch Freuds „Anhänglichkeit“ zurückgestossen fühlen müsste,  -und wie rasch die beiden Männer wieder eigene Wege gehen würden.

Unserer Meinung nach liegt hier das eigentliche Geheimnis ihres persönlichen Bruchs. Schliesslich blieben der protestantische Pfarrer Oscar Pfister und Ludwig Binswanger, der existentialistische undphänomenologische Ideen mit der Psychiatrie verknüpfte, trotz beträchtlicher intellektueller Differenzen persönliche Freunde Freuds. Doch Freud versuchte auch nicht, Pfister und Binswanger zu seinen „Söhnen“ zu machen. Ausserdem hatten die beiden im Gegensatz zu Jung auch nicht mit einem depressiven und launenhaften Vater zu kämpfen, der seinen ganzen Lebensmut verlor und zeitweilig in Nervenheilanstalten untergebracht war. (...)

Was jedoch die aktive bzw. passive Rolle bei der freundschaftlichen Kontaktaufnahme betrifft, sind sie Welten voneinander entfernt. Bei jeder freundschaftlichen Interaktion Jungs ist dieser der aktive Teil. Freud dagegen ist sehr viel häufiger der Adressat solcher Akte. Die Durchschnittsnorm liegt in diesem Fall zwischen den fur Freud und Jung gefundenen Werten. Bedeutet dies, dass Freud den starken Wunsch hatte, von anderen besonders zuvorkommend behandelt zu werden, und dass er auf jede Zurückweisung ausgesprochen empfindlich reagierte? Tatsächlich gibt es Hinweise darauf. So war er offensichtlich stark verletzt, als Jung keinerlei Anstalten machte, ihn bei seiner Reise in die Schweiz aufzusuchen. Freuds Biograph Ernest Jones weist ausserdem darauf hin, dass Freud sehr ärgerlich wurde, wenn Freunde und Bekannte seine Briefe nicht umgehend beantworteten.  Ein weiterer Hinweis auf Jungs grössere „soziale Autonomie“  ergibt sich bei der Betrachtung jener Träume, in denen aggressive oder freundschaftliche Interaktionen zu finden sind (also nicht die Gesamtzahl der in allen Träumen auftauchenden aggressiven oder freundschaftlichen Akte). Unter dieser Perspektive weist Freud fast doppelt so viele „Interaktions—Traume“ auf als Jung. In dieser Hinsicht entspricht Freud der Norm. Das bedeutet, dass Jung weniger Träume als Freud aufweist, in denen er auf signifikante Weise mit anderen in Kontakt tritt. Der interessanteste Aspekt in bezug auf aggressive und freundschaftliche Akte ergibt sich aber dann, wenn man Freuds und Jungs Traum—Interaktionen gegenüber männlichen und weiblichen Traumgestalten miteinander vergleicht. Der „typische“  Mann zeigt in seinen Traumen gegenüber Männern mehr aggressive Interaktionen gegenüber als Frauen. Auf der anderen Seite agiert er gegenüber Frauen häufiger freundlich als gegenüber Männern.  Jungs aggressive und freundschaftliche Traumbegegnungen mit Männern und Frauen entsprechen ziemlich genau dieser Norm. In einem von vier Fällen finden sich bei ihm gegenüber Männern aggressive Interaktionen, gegenüber Frauen dagegen keine. Freundschaftliche Interaktionen finden bei ihm gegenüber Männern und Frauen ungefähr gleich häufig statt. Darin weicht er Ieicht von der Norm ab. In Freuds Träumen wird das „typische“  Verhaltensmuster dagegen umgekehrt. In einem von vier Fällen verhält er sich gegenüber weiblichen Traumgestalten aggressiv; Männern gegenüber fehlt diese Verhaltensweise fast ganz. Auf der anderen Seite hat er sehr viel mehr freundschaftliche Begegnungen mit Männern als mit Frauen. Diese Ergebnisse legen den Gedanken nahe, dass Freud einen negativen Ödipuskomplex hatte. Der positive Ödipuskomplex wird durch die Feindschaft gegenüber Männern und die Liebe gegenüber Frauen charakterisiert. Beim negativen Ödipuskomplex verkehren sich die Verhältnisse. Jetzt wird Männern gegenüber eine freundschaftliche Position bezogen, wahrend man Frauen Feindschaft entgegenbringt. (Freuds aggressives und freundschaftliches Verhaltensmuster gegenüber Mannern bzw. Frauen entspricht nicht dem der „typischen Frau“,die gegenüber Männern sowohl aggressiver als auch freundschaftlicher als gegenüber Frauen reagiert. Es gleicht auch nicht jenem Verhalten einer männlichen Patientengruppe einer Nervenheilanstalt, die sowohl Männern als auch Frauen gegenüber mehr Aggressionen als Zuneigung zeigte.) Gibt es nun in der Biographie Freuds Hinweise auf einen negativen Ödipuskomplex?  Viele Leser von Freuds Werken kamen schon zu dem Schluss, dass dieser Frauen gegenüber recht feindlich eingestellt war. Ernest  Jones meint, dass Freuds Einstellung gegenüber Frauen  „altmodisch“  war. Denn er begriff ihre Funktion als die „dienender Engel fur die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit des Mannes“ . Ausserdem habe er Frauen immer als „rätselhaft“  empfunden.  So fragte er einmal Marie Bonaparte: „Was wollen sie eigentlich?“)  Er fühlte sich ausserdem stärker zu maskulinen Frauen hingezogen und war im Übrigen  „bemerkenswert monogam“.  Jones behauptet, dass  „die eher leidenschaftliche Seite des Ehelebens bei ihm früher zur Ruhe kam als bei den meisten anderen Männern“ . Wir deuten dies so, dass Freud relativ frühzeitig den Intimverkehr mit seiner Frau einstellte, ohne dass er dafür geschlechtliche Beziehungen zu anderen Frauen aufnahm.
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Nicht nur das Traummaterial, sondern auch die biographischen Fakten erlauben also die Schlussfolgerung, dass Freud tatsächlich einen negativen Ödipuskomplex hatte. Jung wies dagegen einen ausgesprochen normalen Ödipuskomplex auf, der sich in der unvermeidlichen Feindschaft gegenüber dem Vater äusserte. Und nichts, was aus Jungs Leben bekannt ist, steht dieser Auffassung entgegen. Auch in seiner Autobiographie bestätigt er, dass er sich seiner Mutter sehr viel mehr verbunden fühlte als dem Vater. Nachdem sein Vater gestorben war, übernahm er ohne zu zogern die Rolle des Haushaltsvorstands, was er nicht zuletzt dadurch demonstrierte, dass er das Zimmer des Vaters bezog. Man braucht sich also nicht zu wundern, dass Jung kein Verlangen danach hatte, wieder zurn „Sohn“ zu werden, und das auf gar keinen Fall gegenüber einem „Vater“ mit einem negativen Ödipuskomplex.

Erfolg und Misserfolg werden im Traum fast immer in Zusammenhang mit dem Träumenden selbst erlebt. Jung und Freud machten dabei keine Ausnahme. Die meisten Männer erleben in ihren Träumen gleichviel Erfolge und Misserfolge. Jungs Träume entsprechen dieser Norm, doch Freud erlebt in seinen Träumen sehr viel mehr Erfolge als Misserfolge. Das Verhältnis beläuft sich auf 6 zu 1.  Das legt die Vermutung nahe, dass Freud sehr viel stärker erfolgsmotiviert war als Jung. Jones’ Bemerkung, dass Freud sich vom Ruhm nicht angezogen fühlte, wird aufgrund der Traumanalyse äusserst zweifelhaft. Obwohl vielleicht auch Jung ähnliche Arnbitionen hatte, entwickelte er keinerlei Aktivitäten, um dieses Ziel zu erreichen, wie Freud es tat. Er gründete beispielsweise keine internationale Organisation, die ein eigenes Verlagshaus besass, in dem sie ihre Publikationen veröffentlichte. Und er gründete auch keine Institute, die auf der ganzen Welt seine Ideen propagierten. Ebensowenig zog er sich bewusst jünger heran. Er hielt sich viel lieber in seinem Steinturm auf als auf dem Markt der wissenschaftlichen Geschäftigkeit seine Lehre zu verkünden. Obwohl er den Ruhm nicht suchte, wies er ihm auch nicht die Tür, als er sich dann meldete. Gegen Ende seines Lebens konnte Jung deshalb schreiben: „Heute kann ich wirklich sagen, dass es erstaunlich ist, wieviel Erfolg mir Zuteil wurde.“ (...)

Orale Sequenzen in Traumen sind solche; bei denen Essen oder Trinken, Kochvorgange, Restaurantbesuche u. a. auftauchen. Besonders betont sind diese oralen Elemente in Traumbildern, bei denen direkt auf die Mundpartie oder andere orale Aktivitäten Bezug genommen wird, beispielsweise also Rauchen, Singen usw. In beiden Inhaltskategorien erreicht Freud eine höhere Punktzahl als Jung, der im übrigen mit der Kontrollgruppe übereinstimmt. Freuds Persönlichkeitsstruktur war offensichtlich besonders stark durch die Oralität bestimmt. So wissen wir beispielsweise, dass er ein starker Zigarrenraucher war. Ausserdem informiert uns Jones, dass er eine Abscheu vor der Abhängigigkeit von anderen hatte, was als Reaktionsbildung gegenüber oraler Dependenz zu betrachten ist. Freuds Oralität stimmt auch mit der Tatsache überein, dass er in seinen Träumen sehr viel häufiger der Empfänger als der Spender von Freundlichkeiten ist. Man könnte den Eindruck gewinnen, er habe nach Zuneigung und Zärtlichkeit verlangt, gleichzeitig aber gegen diesen infantilen Wunsch mit allen Mitteln angekämpft. Der orale Zug stimmt ausserdem auch noch mit der relativ hohen Erfolgsquote in seinen Träumen und der Abwesenheit von Glücksfällen überein. Offensichtlich war er durch den Wunsch motiviert, seine Erfolge durch persönliche Anstrengungen zu erreichen, um dadurch das unbewusste Abhängigkeitsbedürfnis zu verdrängen. Orale Wünsche scheinen in Jungs Leben dagegen keine grosse Rolle gespielt zu haben. Es lassen sich bei ihm auch keine Hinweise auf eine Angst vor der Abhängigkeit gegenüber anderen finden. Ganz offensichtlich zog es Jung vor, seinen Weg allein zu gehen, wobei er auf die Hilfe anderer verzichten konnte.

Kastrationsangst, Kastrationswunsch und Penisneid reflektieren unterschiedliche Aspekte des Kastrationskomplexes. Die Kastrationsangst zeigt sich im Traum durch eine dem Träumenden zugefügte Verletzung oder eine Beschädigung seines Eigentums. Der Kastrationswunsch drückt sich dadurch aus, dass diese Dinge einer anderen Traumgestalt zustossen. Penisneid kann dort konstatiert werden, wo der Träumende bedeutsarne phallische Symbole wie beispielsweise Autos oder Waffen in seinen Besitz bringt. Die Auswertung dieser drei Inhaltskategorien ergibt, wie Hall und van de Castle zeigten, unterschiedliche Ergebnisse für weibliche und männliche Träumer, die in Ubereinstimmung mit Freuds Theorie stehen.  Weder in Freuds noch in Jungs Träumen können deutliche Hinweise auf Kastrationsangst oder Penisneid gefunden werden. Freud zeigt in einigen Träumen Kastrationswünsche, doch liegen die Werte keinesfalls über der Norm. Soweit sich ihren Träumen entnehmen lässt, spielte der Kastrationskomplex also weder für Freuds noch für Jungs Persönlichkeitsstruktur eine wesentliche Rolle.

Damit wären wir am Ende unserer kurzen Darstellung über die in Freuds und Jungs Träumen auftauchenden Inhaltskategorien angelangt. Die Ergebnisse entsprechen insofern unseren Erwartungen, als dass sich in den untersuchten Träumen sowohl universelle als auch individuelle Züge nachweisen lassen. Da es sich bei den Träumenden um so bedeutende Persönlichkeiten wie Freud und Jung handelt, sind die individuellen Züge allerdings bedeutend interessanter. Im übrigen zeigen unsere Ergebnisse, dass die durch die Auszählung der einzelnen Traumkategorien erhaltenen Frequenzen und Proportionen in direkter Beziehung zu Personlichkeit und Verhalten des Träurmenden stehen. Dieser Zusammenhang erweist nicht nur die Brauchbarkeit der von Hall und van de Castle entwickelten Inhalaltsanalyse, sondern zeigt auch, dass es zwischen dem Traum und dem Wachzustand bedeutende Kontinuitäten gibt. So untermauern unsere Ergebnisse die Vorstellung, dass Freuds und Jungs Traumverhalten und ihr Verhalten im realen Leben weitgehend kongruent sind. In ihren Träumen lässt sich folglich auch ein Hinweis über die Ursache ihres Bruchs finden. Diese Ergebnisse sind nicht weiter überraschend, wenn man bedenkt dass das Träumen ebenso eine Verhaltensäusserung ist wie jede andere Lebensäusserung einer Person. Es wäre folglich viel eher eine Überraschung, wenn sich in den Träumen nicht dieselben Grundbedürfnisse, Wünsche und Ängste äussern würden , die den Wachzustand regieren. Denn jede Verhaltensäusserung, jede menschliche Aktivität ist unserer Meinung nach zu einem grossen Teil ein Produkt des zeitlos Unbewussten. Es ist dieses „zeitlos Unbewusste“(Freud), das die Persönlichkeitsstruktur bestimmt, wodurch dieselben Verhaltensmuster immer wieder in Erscheinung treten, sei es im Traum oder im täglichen Leben. Auf die alte Frage: „Bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei eine wache Person, oder bin ich eine schlafende Person, die träumt, sie sei ein Schmetterling?“ konnen wir antworten: „Das macht keinen Unterschied“. Denn im Traum werden die Wünsche und Ängste, die auch im wachen Zustand unser Verhalten bestimmen, lediglich deutlicher sichtbar.

 (Der unbekannte Freud S. 196-206, Jürgen vom Scheidt, Kindler Verlag, 1974, München)