Thursday, February 21, 2013

Der Traum

Der folgende Text ist ein Abschnitt vom Kapitel " Sigmund Freud" der Autobiographie Carl Jungs     "Erinnerungen, Träume, Gedanken".
Dieser Abschnitt beinhaltet ein Traum C. Jungs, den beide Psychoanalytiker, der Gründer der klassischen Psychoanalyse, S. Freud, und - sein damaliger potentieller Nachfolger- C. Jung zu interpretieren (oder   wenn Sie wollen,anzunähern)versuchten. Obwohl man diesen Text sicherlich als einseitig bezeichnen könnte, da es von Jung selber geschrieben wurde, jedoch kann es uns Hinweise über die Unterschiede der beiden Psychoanalytiker betreffend der Exploration des Unbewussten, welche zu ihrem Bruch führte.

Also erzählt Jung: " ... Freud konnte, wie ich schon sagte, meine damaligen Träume nur unvollständig oder gar nicht deuten. Es handelte sich um Träume kollektiven Inhalts mit einer Fülle von symbolischem Material. Besonders einer war mir wichtig, denn er brachte mich zum ersten Mal auf den Begriff des »kollektivenUnbewussten« und bildete darum eine Art Vorspiel zu meinem Buch »Wandlungen und Symbole der Libido«. Dies war der Traum: Ich war in einem mir unbekannten Hause, das zwei Stockwerke hatte. Es war  »mein Haus« . Ich befand mich im oberen Stock. Dort war eine Art Wohnzimmer, in welchem schöne alte Möbel im Rokokostil standen. An den Wänden hingen kostbare alte Bilder. Ich wunderte mich, dass dies mein Haus sein sollte, und dachte: nicht übel! Aber da fiel mir ein, dass ich noch gar nicht wisse, wie es im unteren Stock aussähe. Ich ging die Treppe hinunter und gelangte in das Erdgeschoss. Dort war alles viel älter, und ich sah, dass dieser Teil des Hauses etwa aus dem 15. oder aus dem 16. Jahrhundert stammte. Die Einrichtung war mittelalterlich, und die Fußböden bestanden aus rotem Backstein. Alles war etwas dunkel. Ich ging von einem Raum in den anderen und dachte: ]jetzt muss ich das Haus doch ganz explorieren Ich kam an eine schwere Tür, die ich öffnete. Dahinter entdeckte ich eine steinerne Treppe, die in den Keller führte. Ich stieg hinunter und befand mich in einem schön gewölbten, sehr altertümlichen Raum. Ich untersuchte die Wände und entdeckte, dass sich zwischen den gewöhnlichen Mauersteinen Lagen von Backsteinen befanden; der Mörtel enthielt Backsteinsplitter. Daran erkannte ich, dass die Mauern aus römischer Zeit stammten. Mein Interesse war nun aufs Höchste gestiegen. Ich untersuchte auch den Fußboden, der aus Steinplatten bestand. In einer von ihnen entdeckte ich einen Ring. Als ich daran zog, hob sich die Steinplatte, und wiederum fand sich dort eine Treppe. Es waren schmale Steinstufen, die in die Tiefe führten. Ich stieg hinunter und kam in eine niedrige Felshöhle. Dicker Staub lag am Boden, und darin lagen Knochen und zerbrochene Gefäße wie Überreste einer primitiven Kultur. Ich entdeckte zwei offenbar sehr alte und halb zerfallene Menschenschädel. - Dann erwachte ich. 
Was Freud an diesem Traum vor allem interessierte, waren die beiden Schädel. Er kam immer wieder auf sie zu sprechen und legte mir nahe, in ihrem Zusammenhang einen Wunsch herauszufinden. Was ich denn über die Schädel dächte? Und von wem sie stammten? Ich wusste natürlich genau, worauf er hinauswollte: dass hier geheime Todeswünsche verborgen seien. - Ja, was will er denn eigentlich?, dachte ich bei mir. Wem soll ich denn den Tod wünschen? -Ich empfand heftige Widerstände gegen eine solche Interpretation und hatte auch Vermutungen, was der Traum wirklich bedeuten könnte. Aber ich traute damals meinem Urteil noch nicht und wollte seine Meinung hören. Ich wollte von ihm lernen. So folgte ich seiner Intention und sagte: »Meine Frau und meine Schwägerin« - denn ich musste doch jemanden nennen, dem den Tod zu wünschen sich lohnte!
 Ich war damals noch jung verheiratet und wusste genau, dass nichts in mir war, das auf solche Wünsche hinwies. Doch hätte ich Freud meine eigenen Einfälle zu einer Deutung des Traumes nicht vorlegen können, ohne auf Unverständnis und heftigen Widerstand zu stoßen. Dem fühlte ich mich nicht gewachsen, und ich fürchtete auch, seine Freundschaft zu verlieren, wenn ich auf meinem Standpunkt beharrt hätte. Andererseits wollte ich wissen, was sich aus meiner Antwort ergeben und wie er reagieren würde, wenn ich ihn im Sinne seiner Doktrin hinters Licht führte. So erzählte ich ihm eine Lüge. 
Ich war mir durchaus bewusst, dass mein Verhalten moralisch nicht einwandfrei war. Aber es wäre mir unmöglich gewesen, ihm einen Einblick in meine Gedankenwelt zu gewähren. Die Kluft zwischen ihr und der seinen war zu groß. In der Tat war Freud durch meine Antwort wie befreit. Ich erkannte daran, dass er solchen Träumen hilflos gegenüberstand und bei seiner Doktrin Zuflucht nahm. Mir aber lag daran, den wirklichen Sinn des Traumes herauszufinden. 
Es war mir deutlich, dass das Haus eine Art Bild der Psyche darstellte, d. h. meiner damaligen Bewusstseinslage mit bis dahin unbewussten Ergänzungen. Das Bewusstsein war durch den Wohnraum charakterisiert. Er hatte eine bewohnte Atmosphäre, trotz des altertümlichen Stils. 
Im Erdgeschoss begann bereits das Unbewusste. je tiefer ich kam, desto fremder und dunkler wurde es. In der Höhle entdeckte ich Überreste einer primitiven Kultur, d. h. die Welt des primitiven Menschen in mir, welche vom Bewusstsein kaum mehr erreicht oder erhellt werden kann. Die primitive Seele des Menschen grenzt an das Leben der Tierseele, wie auch die Höhlen der Urzeit meist von Tieren bewohnt wurden, bevor die Menschen sie für sich in Anspruch nahmen. 
Es wurde mir damals in besonderem Maße bewusst, wie stark ich den Unterschied zwischen Freuds geistiger Einstellung und der meinigen empfand. Ich war in der intensiv historischen Atmosphäre von Basel Ende des vorigen Jahrhunderts aufgewachsen und hatte dank der Lektüre der alten Philosophen eine gewisse Kenntnis der Psychologiegeschichte erworben. Wenn ich über Träume und Inhalte des Unbewussten nachdachte, geschah es nie ohne historischen Vergleich, in meiner Studienzeit hatte ich mich dazu. Jeweils des alten Krug schen Lexikons der Philosophie bedient Ich kannte vor allem die Autoren des 18 sowie diejenigen des angehenden 19 Jahrhunderts Diese Welt bildete die Atmosphäre meines Wohnzimmers im ersten Stock. Dem gegenüber hatte ich bei Freud den Eindruck, als ob seine "Geistesgeschichte" bei Buchner, Moleschott, Duboıs-Reymond und Darwin begänne. 
Zu meiner geschilderten Bewusstseinslage fügte der Traum nunmehr weitere Bewusstseinsschichten hinzu das langst nicht mehr bewohnte Erdgeschoss im mittelalterlichen Stil dann den römischen Keller und schließlich die prähistorische Höhle. Sie stellen verflossene Zeiten und überlebte Bewusstseinsstufen dar..."

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